Weihnachtsmärchen

Kategorie: Weihnachtsgeschichten für Kinder

Weihnachtsmärchen Lesezeit: ca. 2 Minuten Das Weihnachtsfest war nahe herangekommen und aus dem Walde gingen viele Tannen in die Hauptstadt des Landes bei dem schlechten Wege immer durch Dick und Dünn. Wenn Jemand sie fragte: wo wollt ihr Tannen denn hin? so antworteten sie: wir wollen in die Stadt und den Herrn Christ loben.

Ein ganz kleines Tannenbäumchen, das im Walde neben seiner Mutter stand, lief immer hinter seiner Mutter her, als diese sich auch nach der Hauptstadt aufmachte, und folgte ihr immer nach, wie ein Füllen der Stute, oder ein junges Rehkalb der Hindin.

Als die Tannen des Abends im Dunkeln in der Hauptstadt angekommen waren, lagerten sie sich Alle unter die Fenster des alten steinernen Schlosses, das sie von einer Seite her vor Wind und Wetter schützen sollte, und es war schön anzusehen, wie die vielen grünen Tannen da beieinander lagen. Das kleine Tannenbäumchen aber, das sich neben seine Mutter gelegt hatte, fror gar sehr. Da kam der Wind und legte den Saum seines schneeweißen Mantels erst zu den Füßen der Tannen hin und breitete ihn dann ganz über sie aus. Den andern Morgen aber kam ein Sonnenblick und deckte den schneeweißen Mantel wieder ab. Da rieb sich das kleine Tannenbäumchen vergnügt die Augen und sah verwundert die große, schöne Stadt.

Aber bald wurde seine Freude getrübt, denn es kam ein Herr, der hieß sein Mütterlein mitgehen in sein Haus, das kleine Tannenbäumchen aber mußte zurückbleiben, denn es war zum Weihnachtsbaume noch viel zu

jung und zu klein.

Als nun der Weihnachtsmorgen kam, da ging das kleine Tannenbäumchen ganz einsam in den nassen Straßen der Hauptstadt umher und weinte. Da sah es aber sein Mütterlein in einem großen, schönen Saale stehen. Es hatte viele Lichter in der Hand, die glänzten gar herrlich, und das Mütterlein war anzusehen wie ein schöner Engel.

Da freute sich das kleine Tannenbäumchen sehr und ging getrost weiter.

Es stand aber in einem Hause eine kleine Puppe am Fenster, wie es eben Tag wurde. Die winkte dem kleinen Tannenbäumchen, daß es zu ihr herauf käme, und fragte:

"Wie heißt du, kleine Tanne?"

"Ich heiße Waldgrüne", antwortete das Tannenbäumchen. "Und wie heißt du?"

"Ich heiße Kindchen-küß-mich", antwortete die Puppe.

Da wurden die Puppe und das Tannenbäumchen gute Freunde und blieben lange, lange Zeit beisammen.

Die kleine Tanne aber wuchs sehr schnell heran, da sagte Kindchen-küß-mich endlich zu ihr:

"Du bist so ein langaufgeschossenes Ding geworden, daß ich mich schäme noch mit dir über die Straße zu gehen; auch ist dir dein Röckchen aus grünen Zweigen viel zu kurz, es reicht dir ja noch lange nicht einmal bis ans Knie, so sehr hast du es verwachsen! Mir wäre das zwar einerlei, aber den Menschen fällt es doch sehr auf. Deswegen wäre das Beste, du gingest wieder zurück in den Wald."

Da ging die Tanne wieder in den Wald. Dort aber war ihr Röcklein nicht zu kurz, sondern es war große Freude bei den andern Tannen, daß Waldgrüne wieder zugegen war.

Autor: Heinrich Pröhle

Interpretation der Geschichte

Heinrich Pröhles "Weihnachtsmärchen" ist eine feinsinnige Parabel über Zugehörigkeit und den Weg zum rechten Platz im Leben. Im Zentrum steht das kleine Tannenbäumchen Waldgrüne, das voller kindlicher Naivität und Sehnsucht der Mutter in die Stadt folgt. Die Reise symbolisiert den Übergang von der natürlichen, geschützten Welt des Waldes in die fremde, menschliche Zivilisation. Die Ablehnung, die Waldgrüne erfährt ("zum Weihnachtsbaume noch viel zu jung und zu klein"), stellt eine erste, schmerzhafte Erfahrung der Unzulänglichkeit dar. Die kurze Freundschaft mit der Puppe Kindchen-küß-mich ist ein zartes Bild für tröstende, aber oft vergängliche Bindungen in der Fremde. Die Puppe, selbst ein künstliches Wesen, verkörpert die oberflächlichen Maßstäbe der Stadt ("den Menschen fällt es doch sehr auf"). Ihre Abweisung führt Waldgrüne letztlich aber nicht ins Unglück, sondern zurück in ihre wahre Heimat, den Wald, wo sie willkommen ist und ihr "Röcklein" – ihre natürliche Art – genau richtig ist. Die Geschichte endet nicht mit dem üblichen Weihnachtsglanz in der Stube, sondern mit der Rückkehr in die natürliche Gemeinschaft, was eine tiefe, ökologisch anmutende Moral von der Akzeptanz des eigenen Wesens und Platzes beinhaltet.

Biografischer Kontext des Autors

Heinrich Pröhle (1822-1895) war ein deutscher Schriftsteller, Lehrer und bedeutender Sammler von Volksmärchen, Sagen und regionalem Kulturgut, insbesondere aus dem Harz. Als Schüler der Brüder Grimm setzte er deren volkskundliche Arbeit fort. Sein Stil ist geprägt von einer klaren, einfachen Sprache und einer liebevollen Hinwendung zur Natur und zu einfachen, oft kindlichen Protagonisten. Diese "Weihnachtsmärchen" spiegeln genau diese Haltung wider: Die personifizierten Tannen, die "den Herrn Christ loben" wollen, zeigen die Verbindung von christlichem Gedankengut mit einer fast animistischen Naturbetrachtung, die für die Romantik und ihre Nachfolge typisch war. Pröhles Werk ist weniger spektakulär als das der Grimms, aber von ähnlicher Authentizität und einem warmherzigen Realismus geprägt, der auch in dieser kleinen Geschichte spürbar wird.

Zeitliche Verortung

Die Geschichte ist zeitlos angelegt, besitzt aber klare Anklänge an das 19. Jahrhundert, aus dem sie stammt. Die "Hauptstadt" mit ihrem "alten steinernen Schloss", der "schlechte Weg" und die Vorstellung, dass Tannenbäume selbst in die Stadt gehen, um Christus zu loben, verorten sie in einer vorindustriellen, märchenhaften Welt. Historisches Kontextwissen ist zum Verständnis nicht nötig. Die zentralen Themen – Sehnsucht, Zurückweisung, Suche nach Heimat und Freundschaft – sind universell und übertragen sich problemlos in jede Epoche. Die Erwähnung des "Herrn Christ" verankert sie zwar im christlichen Rahmen, der Konflikt zwischen natürlichem Wachstum und gesellschaftlichen Erwartungen ist jedoch völlig unabhängig von einer bestimmten Zeit.

Stimmung der Geschichte

Pröhle erzeugt eine ganz besondere, melancholisch-getragene und zugleich hoffnungsvolle Stimmung. Der Beginn hat etwas Feierliches und Geheimnisvolles ("durch Dick und Dünn"). Die nächtliche Ankunft der Tannen unter dem Schutz des Schlosses, bedeckt vom Schneemantel des Windes, ist von einer stillen, poetischen Schönheit. Die Stimmung kippt dann in kindliche Verlassenheit und Traurigkeit, als Waldgrüne allein zurückbleibt und "ganz einsam in den nassen Straßen" umherweint. Der kurze Moment des Wiedersehens mit der geschmückten Mutter und die Freundschaft mit der Puppe bringen Licht und Wärme. Die endgültige Rückkehr in den Wald schließlich vermittelt ein Gefühl der Geborgenheit, der Ruhe und des Angekommenseins. Es ist eine ruhige, nachdenkliche Weihnachtsstimmung, fern vom lauten Glanz.

Emotionale Wirkung

Die Geschichte löst ein vielschichtiges Gefühlsgemisch aus. Zunächst berührt die kindliche Unschuld und der Tatendrang des kleinen Bäumchens. Sein Frost und seine spätere Einsamkeit wecken Mitgefühl und eine leise Traurigkeit. Die Szene, in der es die Mutter als strahlenden "Engel" sieht, erzeugt Rührung und ein Gefühl der Freude über diesen kleinen Trost. Die oberflächliche Kritik der Puppe kann Betroffenheit oder sogar ein wenig Empörung auslösen. Das Ende jedoch, die Rückkehr in den Wald und die "große Freude" der anderen Tannen, schenkt ein tiefes Gefühl der Erleichterung, der Zufriedenheit und der Hoffnung. Es ist eine Geschichte, die nicht nur besinnlich, sondern auch tröstlich stimmt, weil sie zeigt, dass es einen Ort der bedingungslosen Akzeptanz gibt.

Moral und Werte

Im Vordergrund steht nicht die klassische christliche Weihnachtsbotschaft, auch wenn sie am Rand mitschwingt. Vielmehr vermittelt die Geschichte allgemein menschliche Werte. Der zentrale Wert ist die Heimat und Zugehörigkeit. Waldgrüne findet ihr Glück nicht in der Anpassung an städtische Maßstäbe, sondern in der Rückkehr zu ihren Wurzeln. Damit verbunden sind Selbstakzeptanz und die Botschaft, dass man an dem Ort, an dem man natürlich ist, auch richtig ist. Weitere Werte sind Trost in kleinen Freundschaften, auch wenn sie vergehen, und die Kraft der natürlichen Gemeinschaft. Diese Werte passen sehr gut zu Weihnachten als einem Fest der Geborgenheit, Familie und des "Zu-Hause-Seins", das hier auf eine sehr grundlegende, naturethische Weise interpretiert wird.

Ist die Geschichte zeitgemäß?

Absolut. Die Geschichte wirft Fragen auf, die heute relevanter denn je sind: Wo gehöre ich hin? Was passiert, wenn ich den Erwartungen anderer nicht entspreche? Wo finde ich wahre Akzeptanz, jenseits von oberflächlichen Urteilen? In einer Zeit, die von Suche nach Identität, Diskussionen über Inklusion und dem Verlust natürlicher Bezüge geprägt ist, liest sich "Waldgrünes" Reise als Metapher für die Suche nach einem authentischen Leben. Die Kritik der Puppe an dem "verwachsenen Röckchen" erinnert an den gesellschaftlichen Druck, bestimmten Normen zu genügen. Die Lösung der Geschichte – die Rückkehr in einen unterstützenden, natürlichen Kontext – bietet einen nachdenklichen Gegenentwurf zu reinem Anpassungsstreben.

Realitätsbezug oder Eskapismus?

Die Geschichte thematisiert sehr klar die Brüche und Probleme der Welt, verpackt in märchenhafte Bilder. Sie blendet das Weihnachtsidyll nicht einfach aus, sondern zeigt seine Kehrseite: Ausgrenzung ("zu klein"), Einsamkeit ("ganz einsam in den nassen Straßen"), Verlust und die Vergänglichkeit von Freundschaft. Damit ist sie alles andere als reiner Eskapismus. Sie schafft jedoch am Ende eine "heile Welt" – nicht die der Menschenstube, sondern die des intakten Waldes. Dieser Eskapismus ist aber ein aktiver, der die Probleme benennt und einen alternativen Ort der Geborgenheit findet. Sie zeigt also sowohl die Realität des Scheiterns in der fremden Welt als auch die utopische Möglichkeit einer natürlichen, akzeptierenden Gemeinschaft.

Schwierigkeitsgrad

Die Sprache ist mittelschwer bis leicht antiquiert einzustufen. Der Satzbau ist klar und für ein Märchen typisch parataktisch ("...und..."). Einzelne Begriffe wie "Füllen", "Hindin" oder Wendungen wie "durch Dick und Dünn" oder "langaufgeschossen" mögen heutigen Lesern erklärungsbedürftig sein, erschließen sich aber meist aus dem Kontext. Die Personifikation der Bäume und die bildhafte Sprache (der "Saum des schneeweißen Mantels" des Windes) erfordern ein gewisses Maß an Abstraktionsvermögen. Insgesamt ist der Text aber gut verständlich und eignet sich hervorragend, um in einen etwas altertümlichen, poetischen Sprachstil einzuführen.

Geeigneter Anlass

Diese Geschichte eignet sich perfekt für einen ruhigen Advents- oder Weihnachtsabend, an dem du nicht nur Unterhaltung, sondern auch einen Gesprächsanlass suchst. Sie passt wunderbar in eine gemütliche Vorleserunde am Kamin oder beim Kerzenschein. Wegen ihrer nachdenklichen Tiefe ist sie auch ideal für den Schul- oder Kindergottesdienstunterricht in der Vorweihnachtszeit, um über Themen wie Anderssein, Heimat und wahre Freude zu sprechen. Sie ist eine ausgezeichnete Alternative zu actionreichen oder sehr kitschigen Weihnachtsgeschichten.

Vorlesen oder Selberlesen?

Die Geschichte ist in erster Linie zum Vorlesen geschaffen. Der Erzählfluss, die direkte Rede und die bildhafte Sprache kommen beim gesprochenen Wort besonders gut zur Geltung. Ein Vorleser kann die Stimmungswechsel – vom Geheimnisvollen über das Traurige zum Tröstlichen – einfühlsam betonen. Für geübte junge Leser ab etwa 9 oder 10 Jahren ist sie aber auch gut zum Selberlesen geeignet, da die Sätze nicht zu komplex sind und die Geschichte in sich abgeschlossen ist. Beim Selberlesen kann man die poetischen Bilder noch einmal in Ruhe wirken lassen.

Empfohlene Altersgruppe

Das Märchen spricht verschiedene Altersgruppen an. Kinder ab etwa 5 oder 6 Jahren verstehen die grundlegende Handlung – das kleine Bäumchen, das seiner Mutter folgt, traurig ist und schließlich Freunde findet. Kinder ab 8 Jahren beginnen, die tieferen Gefühle von Einsamkeit und das Thema der Zurückweisung zu erfassen. Jugendliche und Erwachsene können die allegorische Ebene und die gesellschaftskritischen Untertöne vollständig würdigen. Es ist also ein klassisches Werk, das mit dem Leser "mitwächst".

Für wen eignet sie sich weniger?

Die Geschichte eignet sich weniger für Menschen, die eine schnelle, humorvolle oder actionreiche Weihnachtsunterhaltung suchen. Wer reines, ungetrübtes Festtagsglanz erwartet, könnte von der melancholischen Phase enttäuscht sein. Sehr kleine Kinder unter 4 Jahren könnten mit der traurigen Phase des Bäumchens überfordert sein oder die Handlung noch nicht vollständig nachvollziehen können. Auch für eine laute, unruhige Feier mit vielen Ablenkungen ist der ruhige, poetische Text nicht der optimale Begleiter.

Abschließende Empfehlung

Wähle diese Geschichte genau dann, wenn du eine besinnliche, tiefgründige und ungewöhnliche Weihnachtserzählung suchst, die über das Übliche hinausgeht. Sie ist perfekt für den Heiligen Abend, nachdem die Geschenke ausgepackt sind und eine ruhige Stunde einkehrt, oder für einen Adventssonntagnachmittag. Lies sie vor, wenn du mit Kindern oder der Familie über Gefühle wie Sehnsucht und Enttäuschung, aber auch über den Wert von Heimat und Gemeinschaft ins Gespräch kommen möchtest. Sie ist ein wertvoller Schatz für alle, die das Weihnachtsfest auch als Zeit der inneren Einkehr und des Nachdenkens über den eigenen Platz in der Welt verstehen. Heinrich Pröhles "Weihnachtsmärchen" ist mehr als nur eine Geschichte – es ist ein tröstliches Gleichnis in winterlichem Gewand.

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