Die Christgeschenke

Kategorie: Schöne Weihnachtsgeschichten

Die Christgeschenke Lesezeit: ca. 7 Minuten Die Reihe kam nun, dem Alter nach, an Karl, der, seines Stoffes mächtig und seiner Kraft sich bewußt, ohne Anstand und Verlegenheit seine Erzählung vortrug.

In dem Hause des Hofkammerraths wohnte seit einigen Monaten im abgelegenen Hintergebäude ein alter Mann von seltsamem Aussehen und wunderlichen Sitten. Er nannte sich Albertus und gab sich für einen Mechanikus aus; allgemein galt er aber unter den Leuten als ein Zauberer, der die Kunst verstände, Maschinen und Gefäße zu bilden, vermittelst deren sogar des Menschen geheimste Gedanken und Empfindungen verrathen würden. Indessen konnten sich nur sehr wenige rühmen, daß sie seine Werkstätte betreten und gesehen hätten, und niemanden gelang es, irgend ein Kunstwerk von ihm auch um die höchsten gebotenen Preise zu erhalten. Er selbst lebte ganz einsam, und schien überhaupt ein Menschenfeind zu seyn; nur die Kinder liebte er, und sah sie gern um sich, und darum zog er gern in Häuser, wo sich kleine Knaben und Mädchen befanden; nach einem Jahre aber verließ er jederzeit das Haus wieder, und zog in ein anderes in der Stadt.

Der Hofkammerrath hatte drei Kinder, Theo dor, einen Knaben von sieben Jahren, Lorchen, ein Mädchen von fünf Jahren, und Hugo, der vier Jahre alt war. Anfangs fürchteten die Kinder den alten Mann mit dem finstern Gesicht und dem seltsamen Anzug, und sie gingen ihm überall aus dem Weg; bald aber, als er ihnen ein und das andere Spielzeug schenkte, und überaus freundlich mit ihnen sprach, faßten sie allmählich Zutrauen, und besuchten ihn zuletzt wohl gar in seiner Werkstätte, wohin er sie eingeladen hatte. Da gab's denn gar vielerlei zu sehen und zu versuchen. Theodor ergötzte sich besonders an einer Maschine, welche die Welt darstellte, die Sonne, den Mond, die Erde und die andern Planeten, wie sie sich in regelmäßigen Kreisen bewegten; es war des Fragens von seiner Seite kein Ende. Lorchen stand vorzüglich gern vor einer Landschaft, auf welcher Lämmer weideten, so natürlich, als ob sie lebten, und ein Hirte blies von Zeit zu Zeit ein Stücklein. Hugo aber hielt sich vor allem an den Tisch, worauf Soldaten auf- und abmarschirten, einen Trommler an der Spitze, und wie sie die Gewehre luden, und abfeuerten, daß es krachte. So unterhielten sich die Kinder stundenlang in der Werkstätte des Alten; und dieser ermahnte sie fleißig zur Zucht, Ordnung und Frömmigkeit; und so oft sie kamen und zu ihm hinzu traten, hielt er ihnen einen Spiegel vor; und als ob er darin ihre Gedanken und Handlungen leibhaftig gewahrte, nickte er dem Einen freundlichen Beifall zu, und schüttelte bei dem andern bedenklich den Kopf, je nachdem sie Gutes oder Böses gethan oder gedacht während des Tages.

Nun erschienen die Weihnachten, und der alte Herr hatte den Kindern versprochen, das Christkindlein werde auch bei ihm jedem von ihnen etwas bescheren. Darüber freuten sie sich über die Maßen. Am Vorabende des heiligen Christfestes, nachdem die Kinder bereits von ihren Eltern beschenkt worden, holte er sie selbst ab, und führte sie in seine abgelegene Wohnung. Die große Stube war gar schön beleuchtet; in der Mitte stand ein großer Tisch mit dem funkelnden Christbaum, in dessen Zweigen Vöglein sangen, und hellleuchtende Insecten umher schwirrten. Auf demselben lagen auch die Geschenke, die jedem Kinde bestimmt waren. Bevor der Alte sie jedoch vertheilte, sprach er: "Diese schönen Sachen, die ich euch geben will, sind kostbare Christgeschenke von ganz besonderer Art, wie sie nirgends zu haben sind. Diese Blume hier, wenn man in ihren Kelch schaut, entfaltet so schöne und mannichfaltige Farben, daß man nicht genug daran sehen kann. Diese Frucht hier, bringt man sie an den Mund, gibt solchen Wohlgeschmack, wie keine Frucht in der Welt sie zu geben vermag. Dieser Vogel endlich, wenn man das Ohr hinneigt, singt einen so schönen, lieblichen Gesang und in so mannichfaltigen Weisen, daß aller Vögel Töne dagegen nichts sind, und alle vor ihm verstummen müssen. Allein – fuhr er fort – diese schönen Gestalten, dieser Wohlgeschmack und diesen Gesang vernimmt und genießt nur derjenige, dessen Herz rein ist von Neid, von Lüge und von Zornmuth. Ein Kind aber, welches Unwahres redet, das den Andern beneidet und mit dem Seinigen geizet, das sich des Ungehorsams schuldig macht und Unmuth zeigt gegen seine Eltern und Geschwister, ein solches böses Kind verdient nicht diese Christgeschenke, und genießt nicht die geheimen Wundergaben, die darin verborgen sind."

Also sprach Albertus; und nun wies er jedem Kinde sein Geschenk zu;

dem Theodor die Blume, dem Lorchen die Frucht, und dem kleinen Hugo den Vogel. Zuerst trat Theodor zur Blume, und sah hinein; aber mit einem Angstgeschrei fuhr er zurück, und schrie: Eine Kröte! eine Kröte! – Lorchen nahm hierauf die Frucht in den Mund; aber sie verzog gewaltig das Gesicht und sprudelte, als wenn sie Galle geleckt hätte. Zuletzt wagte es auch Hugo, und hielt sein Ohr dem Vogel hin; dieser aber that einen so widerlichen Schrei, daß dem Knaben das Ohr gellte, und er wie unsinnig zurück sprang. Die Kinder standen ganz verdutzt, und sahen den Mann mit verdrießlicher Miene an, als einen, der sie habe verspotten wollen. Dieser aber sprach mit ruhiger, ernster Stimme: "Kinder, es muß schlimm in eurem Herzen aussehen, daß diese Gottes-Gaben in Strafen sich euch verwandeln. Gestehe mir aufrichtig, Theodor, hast du dich nicht des Neides schuldig gemacht? Die Kröte, die du in der Blume gesehen, sie ist in deinem Herzen." Theodor gestand es, daß er noch erst bei der Vertheilung der Christgeschenke der Eltern diese böse Empfindung gehabt habe. "Und du, Lorchen, gesteh'! hast du dir nicht heute noch eine Unwahrheit oder Lüge erlaubt? Der Gallengeschmack, den du an der Frucht gekostet, er kam aus deinem falschen Herzen." Lorchen ward roth, und gestand, daß sie erst noch heute eine Unwahrheit gesagt habe. Endlich wandte sich der Alte an Hugo, und fragte ihn: "Und du?" Hugo sagte sogleich: Er sey heut sehr böse gewesen, und habe heftig gezürnt. "Der widerliche Schrei des Vogels, den du gehört, sagte Albertus, das war der Widerhall aus deinem Herzen, das leicht in Zorn und Unmuth entbrennt. – Weil ihr nun aber, fuhr der Mann fort, eure Fehler aufrichtig gestanden habt, und in der guten Meinung, daß ihr euch vorgenommen, eure Unarten zu bessern, so mögt ihr es nochmal versuchen, und die Christgeschenke prüfen; ich hoffe, daß sie euren Sinnen nun besser behagen werden."

Hugo wagte es zuerst, sein Ohr an den Vogel zu legen – und seine Stimme erklang so lieblich, und wechselte in so vielerlei Weisen, daß es nicht zu beschreiben ist. Dann versuchte auch Lorchen ihre Frucht – und wie sie dieselbe nur an die Lippe brachte, quoll aus ihr ein Wohlgeschmack, der mit nichts zu vergleichen war, und je mehr sie sog, desto süßer schmeckte die Frucht. Endlich unterstand sich auch Theodor in seine Blume zu schauen – und es war ihm, als sähe er in ein belebtes Farbenmeer, wo die einzelnen Wellen wechselweise sich hoben und senkten, und immer zu neuen Gebilden sich wundersam gestalteten. Die Kinder standen wie verzaubert und gebannt, und konnten sich nicht satt schauen und schmecken und hören. Endlich sagte Hugo zu Lorchen: Schwester, wir wollen nun abwechseln; höre du dem Vogel zu, und ich will deine Frucht schmecken. Aber Albertus sagte: "Das geht nicht an; sondern das Werk dienet nur, dem es gegeben ist. Es hat aber ein jedes genug an dem Einen, und es wird keinem je verleiden, so oft er es auch erfahren mag. Nur, wie gesagt, nahet euch jedes Mal mit reinem Herzen und schuldlos; widrigen Falls wird das Böse, das euer Herz birgt, euch jederzeit an den Sinnen bestrafen."

Das merkten – und erfuhren auch die Kinder. Täglich prüften sie ihre Christgeschenke; aber so oft Theodor Neid gezeigt, so sah er wiederum die scheußliche Kröte in seiner Blume; so oft Lorchen eine Lüge gesagt, so schmeckte sie an ihrer Frucht die abscheuliche Galle; und so oft Hugo sich vom Zorn hat hinreißen lassen, hörte er, wenn er den Vogel prüfte, sein gellendes, widerliches Geschrei. Wollten sie denn also von Tag zu Tag das Vergnügen haben, das ihnen der Alte bereitet, so mußten sie sich wohl in Acht nehmen vor den Fehlern, die sie sonst so leicht begingen. Nach und nach, in wenigen Wochen, gewöhnten sie sich dieselben ganz ab, und Theodor wurde theilnehmend und wohlthätig, Lorchen wahrhaft und aufrichtig, und Hugo sanftmüthig und gehorsam.

Noch vor Ablauf des Jahrs war Albertus aus dem Hause des Hofkammerraths ausgezogen; man wußte nicht, wohin. Die Christgeschenke verblieben aber den Kindern, und erprobten fortan ihre geheime Kraft. Man weiß aber nicht, wo sie in spätern Zeiten hingekommen. Doch man kann sie auch entbehren; denn jeder Neid, jede Lüge, jeder Zorn bestraft sich meistens von selbst; und Liebe und Wahrhaftigkeit und Sanftmuth und Gehorsam finden ihr Lob und ihren Lohn vor Gott und den Menschen.

Autor: Ludwig Aurbacher

Ausführliche Interpretation der Geschichte

Ludwig Aurbachers "Die Christgeschenke" ist weit mehr als eine einfache Weihnachtserzählung. Sie funktioniert als kunstvoll verschlüsselte Parabel über Selbsterkenntnis und Charakterbildung. Der geheimnisvolle Albertus agiert nicht als strafender Richter, sondern als weiser Mentor, der den Kindern einen Spiegel vorhält. Die magischen Geschenke – Blume, Frucht und Vogel – sind keine Belohnungen für äußerlich gutes Benehmen, sondern sensitive Instrumente der inneren Einkehr. Ihre wundersame oder abschreckende Wirkung hängt unmittelbar vom moralischen Zustand des Betrachters ab. Dies ist ein geniales literarisches Mittel: Die Bestrafung erfolgt nicht von außen, sondern entsteht unmittelbar aus der eigenen verzerrten Wahrnehmung, die durch negative Gefühle wie Neid, Lüge und Zorn getrübt ist. Die Geschichte zeigt, dass wahre Veränderung von innen kommt. Erst durch das aufrichtige Eingeständnis der Fehler und den ernsthaften Vorsatz zur Besserung werden die Geschenke zu dem, was sie sind: Quellen reiner, ungetrübter Freude. Der letzte Absatz enthält die vielleicht wichtigste Botschaft: Die magischen Objekte sind letztlich nur Hilfsmittel. Die eigentliche "Belohnung" ist die gefestigte Tugend selbst, die "ihr Lob und ihren Lohn vor Gott und den Menschen" findet, auch ohne wundersame Spiegel.

Biografischer Kontext des Autors

Ludwig Aurbacher (1784-1847) war ein bayerischer Schriftsteller und Volkskundler, der heute vor allem für seine Sammlung "Ein Volksbüchlein" bekannt ist. Er war Theologe und Pädagoge, was seinen pädagogisch-moralischen Erzählstil stark prägte. In einer Zeit des gesellschaftlichen Wandels nach der Säkularisation und während der Restauration lag ihm die Bewahrung und Vermittlung von Werten in einer für das Volk verständlichen Form am Herzen. Seine Geschichten zielen oft auf eine klare moralische Belehrung ab, sind aber in ein unterhaltsames, manchmal märchenhaftes Gewand gekleidet. "Die Christgeschenke" steht exemplarisch für dieses Anliegen: Sie verbindet die Faszination des Wunderbaren mit einer zeitlosen Lebenslehre, die weniger dogmatisch-christlich als vielmehr humanistisch geprägt ist. Das Wissen um Aurbachers Hintergrund als Lehrer und Seelsorger hilft, die einfühlsame, aber bestimmte Art des Albertus zu verstehen, der die Kinder zur Einsicht führt, anstatt sie zu verdammen.

Zeitliche Verortung der Handlung

Die Geschichte ist bewusst zeitlos gehalten. Zwar weisen Begriffe wie "Hofkammerrath" oder "Mechanikus" auf das 19. Jahrhundert, die Entstehungszeit Aurbachers, hin. Für das Verständnis der Kernbotschaft ist dieser historische Kontext jedoch vollkommen unwesentlich. Die Handlung spielt in einer idealisierten, bürgerlichen Welt, die auf das Wesentliche reduziert ist: eine Familie, ein geheimnisvoller Lehrmeister und die innere Entwicklung der Kinder. Die magischen Maschinen des Albertus – das Planetarium, die bewegte Landschaft, die marschierenden Soldaten – könnten heute durch digitale Wunder ersetzt werden, ohne dass die Moral der Geschichte berührt würde. Diese zeitlose Qualität macht die Erzählung über Epochen hinweg relevant. Du musst kein Wissen über das Biedermeier oder die Sozialstruktur des 19. Jahrhunderts mitbringen, um die universellen Konflikte von Neid, Unwahrhaftigkeit und Jähzorn nachempfinden zu können.

Die erzeugte Stimmung

Aurbacher erzeugt eine ganz besondere, vielschichtige Stimmung. Zunächst herrscht eine Aura des Geheimnisvollen und Wunderbaren vor, die von der rätselhaften Figur des Albertus und seiner Werkstatt ausgeht. Diese Stimmung gleicht der in einem Kunstmärchen. Zur Weihnachtszeit verdichtet sie sich zur festlichen, erwartungsvollen Atmosphäre des Christabends mit dem funkelnden Baum und den singenden Vögeln. Der Moment der ersten Prüfung der Geschenke bringt einen jähen, fast schockierenden Stimmungsumschwung: Aus der Vorfreude wird Entsetzen und Enttäuschung. Die Stimmung wird ernst, beinahe bedrohlich. Nach den Geständnissen und der zweiten Prüfung löst sich diese Spannung in reine, stille Freude und staunende Verzückung auf. Die finale Stimmung ist eine der geläuterten Ruhe und der Hoffnung auf dauerhafte Besserung, getragen von der Gewissheit, dass das Gute in einem selbst liegt.

Emotionale Wirkung auf den Leser

Die Geschichte löst ein bewegendes Wechselspiel verschiedener Gefühle aus. Die Neugier auf den alten Albertus und seine Wunderwerkstatt weckt zunächst Spannung und Faszination. Die Beschreibung der Kinderfreude in seinem Reich erzeugt ein warmes, nostalgiertes Gefühl. Der schroffe Umschlag, als die Geschenke sich in ihr Gegenteil verkehren, trifft den Leser fast körperlich und löst Betroffenheit und Nachdenklichkeit aus. Die ehrlichen Geständnisse der Kinder rühren, weil sie so menschlich und unverstellt sind. Die anschließende Verwandlung der Geschenke in wahre Wunder bringt dann tiefe Freude und ein Gefühl der Befreiung mit sich. Die Einsicht, dass Charakterstärke belohnt wird, vermittelt schließlich Hoffnung und Genugtuung. Es ist eine Geschichte, die nicht nur besinnlich stimmt, sondern aktiv zum Nachdenken über das eigene Verhalten anregt.

Vermittelte Moral und Werte

Im Vordergrund stehen eindeutig allgemein-menschliche Tugenden, die in vielen Kulturen und Religionen hochgehalten werden: Wahrhaftigkeit (gegenüber der Lüge), Großzügigkeit und Mitfreude (gegenüber dem Neid) sowie Selbstbeherrschung und Sanftmut (gegenüber dem Zorn). Der christliche Rahmen des Weihnachtsfestes dient hier vor allem als zeitlicher und symbolischer Hintergrund für die Handlung, nicht als theologischer Lehrsatz. Die "Christgeschenke" sind Gaben der moralischen Läuterung, nicht des Glaubens. Die Werte der Geschichte passen perfekt zum Geist von Weihnachten, der oft als Zeit der inneren Einkehr, der Versöhnung und der Besserung verstanden wird. Es geht um die "Weihnacht im Herzen", die Voraussetzung ist, um die äußere Festfreude wahrhaft genießen zu können. Damit spricht die Geschichte auch Menschen an, die Weihnachten mehr kulturell als religiös feiern.

Ist die Geschichte zeitgemäß?

Die Geschichte ist erstaunlich zeitgemäß, ja vielleicht sogar notwendiger denn je. In einer Welt, die oft auf äußere Belohnung und schnelle Befriedigung setzt, erinnert sie daran, dass wahre Zufriedenheit eine Frage der inneren Haltung ist. Die drei Laster – Neid (oft geschürt durch soziale Medien), Lüge (in Zeiten von "Fake News" und Selbsttäuschung) und unbeherrschter Zorn (in einer polarisierten und reizüberfluteten Gesellschaft) – sind hochaktuelle Themen. Der Mechanismus der Geschichte, dass uns unsere eigenen negativen Emotionen die Welt verzerrt wahrnehmen lassen, ist ein psychologisch treffendes Bild. Die Botschaft, dass Veränderung mit ehrlicher Selbstreflexion beginnt, ist universell und zeitlos. Die Geschichte wirft die Frage auf, mit welcher inneren Verfassung wir den Festtagen und dem Leben allgemein begegnen wollen.

Realitätsbezug oder Eskapismus?

"Die Christgeschenke" stellt einen cleveren Mittelweg dar. Sie bedient sich märchenhafter, eskapistischer Elemente (der zauberkundige Alte, die sprechenden Spiegel, die wundersamen Geschenke), um ein sehr reales, psychologisches und pädagogisches Problem zu behandeln. Sie blendet äußere soziale Probleme wie Armut nicht ein, aber sie thematisiert dafür umso deutlicher die inneren "Brüche" – die charakterlichen Schwächen, die das familiäre Miteinander auch in scheinbar heilen Welten belasten können. Die Geschichte flüchtet nicht in eine vollkommene heile Welt, sondern konfrontiert ihre jungen Helden und damit auch die Leser mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten. Sie bietet aber, und das ist das Tröstliche, einen klaren Weg zur Besserung an. Es ist also ein konstruktiver Eskapismus, der uns Werkzeuge für die Realität mitgibt.

Bewertung des Schwierigkeitsgrads

Sprachlich ist die Geschichte im mittleren Schwierigkeitsgrad anzusiedeln. Der Satzbau ist klar und meist parataktisch, also mit aneinandergereihten Hauptsätzen, was das Verständnis erleichtert. Der Wortschatz ist jedoch geprägt vom 19. Jahrhundert und enthält einige heute ungebräuchliche Begriffe wie "Mechanikus", "Zornmuth" oder "erprobten". Auch Formulierungen wie "sich eines Dinges mächtig zeigen" oder "es ward ihm, als sähe er" erfordern etwas Übung. Die Handlung an sich ist aber linear und leicht nachvollziehbar. Für geübte Leser ab etwa 10 Jahren ist der Text gut allein zu bewältigen. Jüngeren Kindern sollte die Geschichte vorgelesen werden, wobei sich die altertümlichen Wendungen durch Betonung und Erklärung wunderbar erschließen und zum Sprachgefühl beitragen können.

Geeigneter Anlass zum Lesen

Diese Geschichte eignet sich hervorragend für die Adventszeit, insbesondere für den Heiligen Abend oder einen der Weihnachtstage, wenn die Bescherung schon stattgefunden hat. Sie ist ein perfekter Gegenpol zur materiellen Geschenkefreude und lenkt den Blick auf das Wesentliche. Sie passt aber auch gut zu einem gemütlichen, besinnlichen Adventsnachmittag oder als Einstimmung in die Festtage in der Familie oder im Schulunterricht. Da die Botschaft über Weihnachten hinausreicht, kann sie auch zu jedem anderen Zeitpunkt gelesen werden, an dem das Thema Charakterstärke und Selbstreflexion im Mittelpunkt stehen soll, beispielsweise in der Kinder- oder Jugendarbeit.

Eignung zum Vorlesen oder Selberlesen

Die Geschichte ist ein klassischer Vorleseschatz. Ihre klare Struktur, die direkte Rede und die spannenden Wendungen machen sie für Zuhörer ab etwa 5 Jahren sehr fesselnd. Ein Vorleser kann die Stimmungen wunderbar einfangen – das Geheimnisvolle in der Stimme des Albertus, den Schrecken der Kinder, die feierliche Ruhe der Moral. Die etwas altertümliche Sprache wird durch das gesprochene Wort lebendig und verständlich. Zum Selberlesen empfiehlt sich die Geschichte für Kinder ab etwa 9 oder 10 Jahren, die bereits über ein gutes Textverständnis verfügen und sich von der historischen Sprachfärbung nicht abschrecken lassen. Für Jugendliche und Erwachsene bietet das Selberlesen die Möglichkeit, die feinen psychologischen Nuancen in Ruhe zu reflektieren.

Empfohlene Altersgruppe

Die Kernzielgruppe sind Kinder im Alter von etwa 5 bis 12 Jahren. Jüngere Kinder ab 5 verstehen die Grundhandlung und die klare Moral (Neid, Lüge, Zorn sind schlecht). Ältere Kinder bis 12 können bereits die subtilere Botschaft der Selbstreflexion und der verzerrten Wahrnehmung erfassen. Die Geschichte ist aber keineswegs nur auf Kinder beschränkt. Jugendliche und Erwachsene können sie als anspruchsvolle Parabel lesen, die tiefe Einblicke in menschliche Verhaltensmuster bietet. Sie eignet sich somit für die ganze Familie und bietet für jede Altersstufe eine andere Erkenntnisebene.

Für wen eignet sich die Geschichte weniger?

Die Geschichte eignet sich weniger für Leser, die eine actionreiche, humorvolle oder rein unterhaltende Weihnachtsgeschichte suchen. Wer eine realistische, sozialkritische Erzählung über das Fest erwartet, wird hier nicht fündig. Auch für sehr kleine Kinder unter 5 Jahren sind die abstrakten Konzepte von Neid und Lüge sowie die längeren Beschreibungen möglicherweise noch schwer zugänglich. Menschen, die eine explizit christlich-theologische Weihnachtsbotschaft mit der Geburt Jesu im Mittelpunkt erwarten, sollten wissen, dass diese Geschichte einen eher moralisch-humanistischen Ansatz verfolgt. Der märchenhafte, leicht belehrende Tonfall könnte für einige moderne, eher nüchtern erzogene Teenager als zu "altmodisch" empfunden werden.

Abschließende Leseempfehlung

Wähle "Die Christgeschenke" von Ludwig Aurbacher genau dann, wenn du eine Weihnachtsgeschichte suchst, die mehr will, als nur festliche Stimmung zu verbreiten. Sie ist die perfekte Wahl für einen Moment der Besinnung nach der turbulenten Bescherung, um mit Kindern ins Gespräch über die wahren "Geschenke" zu kommen. Sie ist ideal für Eltern, Pädagogen oder Großeltern, die eine Geschichte mit Tiefgang und einer klaren, aber liebevollen Botschaft suchen. Wähle sie, wenn du eine Erzählung brauchst, die zeitlose Werte vermittelt, ohne dogmatisch zu sein, und die Magie mit psychologischem Feingefühl verbindet. Kurz: Diese Geschichte ist ein besonderes Christgeschenk für Herz und Verstand, das in keiner Sammlung weihnachtlicher Literatur fehlen sollte.

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