Von der Königin, die keine Pfeffernüsse backen, und dem König, der nicht das Brummeisen spielen konn
Kategorie: Alte Weihnachtsgeschichten
Von der Königin, die keine Pfeffernüsse backen, und dem König, der nicht das Brummeisen spielen konn Lesezeit: ca. 7 Minuten Der König von Makronien, der sich schon seit einiger Zeit gerade in seinen besten Jahren befand, war eben aufgestanden und saß unangezogen auf dem Stuhl neben dem Bett. Vor ihm stand sein Hausminister und hielt ihm die Strümpfe hin, von denen der eine ein großes Loch an der Ferse hatte. Aber obwohl er den Strumpf mit großer Sorgfalt so gedreht hatte, daß der König das Loch nicht merken sollte, und obschon der König sonst mehr auf hübsche Stiefel als auf ganze Strümpfe zu achten pfelgte, war das Loch dem königlichen Scharfblicke diesmal doch nicht entgangen. Entsetzt nahm er dem Minister den Strumpf aus der Hand, fuhr mit dem Zeigefinger durch das Loch, so daß er bis zum Knöchel herausguckte, und sagte dann seufzend:
"Was hilft mit's, daß ich König bin, wenn ich keine Königin habe! Was meinst du, wenn ich mir eine Frau nähme?"
"Majestät", antwortete der Minister, "das ist ein sublimer Gedanke; ein Gedanke, der gewiß auch mir ganz untertänigt aufgestiegen wäre, wenn ich nicht gefühlt hätte, daß ihn Ew. Majestät jedenfalls heute selbst noch zu äußern geruhen würden!"
"Schön!" erwiderte der König, "aber glaubst du, daß ich so leicht eine Frau finden werde, die für mich paßt?"
"Pah!" sagte der Minister. "Zehn für eine!"
"Vergiß nicht, daß ich große Ansprüche mache. Wenn mir eine Prinzessin gefallen soll, muß sie klug und schön sein! Und dann ist noch ein Punkt, auf den ich ganz besonderes Gewicht lege: du weißt, wie gern ich Pfeffernüsse esse. In meinem ganzen Reiche ist kein einziger Mensch, der sie zu backen versteht, wenigstens richtig zu backen, nicht zu hart und nicht zu weich, sondern gerade knusprig: sie muß durchaus Pfeffernüsse backen können!"
Als der Minister dies hörte, bekam er einen heftigen Schreck. Doch sammelte er sich rasch wieder und entgegnete: "Ein König wie Ew. Majestät werden ohne Zweifel auch eine Prinzessin finden, die Pfeffernüsse zu backen versteht."
"Nun, dann wollen wir uns zusammen umsehen!" versetzte der König; und noch am demselben Tage begann er in Begleitung des Ministers die Rundreise zu denjenigen seiner verschiedenen Nachbarn, von denen er wußte, daß sie Prinzessinnen zu vergeben hatten. Aber es fanden sich nur drei Prinzessinnen, die gleichzeitig so schön und klug waren, daß sie dem König gefielen, und von diesen konnte keine Pfeffernüsse backen.
"Pfeffernüsse kann ich freilich nicht backen", sagte die erste Prinzessin, als der König sie danach fragte, "aber hübsche kleine Mandelkuchen. Bist du damit nicht zufrieden?" - "Nein!" erwiderte der König, "es müssen partout Pfeffernüsse sein!"
Die zweite Prinzessin, als er die nämliche Frage an sie richtete, schnalzte mit der Zunge und sagte ärgerlich: "Laßt mich mit Euren Albernheiten zufrieden! Prinzessinnen, welche Pfeffernüsse nacken können, gibt es nicht."
Am schlimmsten aber ging es dem König bei der dritten, obwohl sie die schönste und klügste war. Denn sie ließ ihn gar nicht bis zu seiner Frage kommen, sondern ehe er sie noch hatte tun können, fragte sie selbst, ob er auch wohl das Brummeisen zu spielen verstünde? Und als er dies verneinte, gab sie ihm einen Korb und meinte, es tue ihr herzlich leid. Er gefalle ihr sonst ganz gut; aber sie höre das Brummeisen für ihr Leben gern und habe sich vorgenommen, keinen Mann zu nehmen, der es nicht spielen könne.
Da fuhr der König mit dem Minister wieder nach Haus, und als er aus dem Wagen stieg, sagte er recht niedergeschlagen: "Das wäre also nichts gewesen!"
Aber ein König muß durchaus eine Königin haben, und nach längerer Zeit ließ er daher den Minister noch einmal zu sich kommen und eröffnete ihm, er habe es aufgegeben, eine Frau zu finden, die Pfeffernüsse backen könne, und beschlossen, die Prinzessin zu heiraten, welche sie damals zuerst besucht hätten. "Es ist die, welche die kleinen Mandelkuchen zu backen versteht", fügte er hinzu. "Gehe hin und frage, ob sie meine Frau werden will."
Am nächsten Tag kam der Minister zurück und erzählte, daß die Prinzessin nicht mehr zu haben sei. Sie hätte den König aus dem Lande, wo die Kapern wachsen, geheiratet.
"Nun, dann gehe zur zweiten Prinzessin!" Allein der Minister kam auch dieses Mal wieder unverichteterdinge zu Hause: Der alte König habe gesagt, er bedaure unendlich, aber seine Tochter sei leider gestorben, und so könne er sie ihm nicht geben.
Da besann sich der König lange; weil er aber durchaus eine Königin haben wollte, so befahl er dem Minister, er solle doch auch noch einmal zur dritten Prinzessin gehen, vielleicht habe sie sich inzwischen anders besonnen.Und der Minister mußte gehorchen, obgleich er sehr wenig Lust verspürte ud obschon ihm auch seine Frau sagte, daß es gewiß recht unnütz wäre. Der König aber wartete ängstlich auf seine Rückkunft. Denn er gedachte der Frage wegen des Brummeisens, und die Erinnerung daran war ihm ärgerlich.
Die dritte Prinzessin jedoch empfing den Minister sehr freundlich und sagte zu ihm, eigentlich hätte sie sich ganz bestimmt vorgenommen, nur einen Mann zu nehmen, der das Brummeisen zu spielen verstünde. Aber Träume seien Schäume, und besonders Jugendträume! Sie sähe ein, daß sich ihr Wunsch nicht erfüllen ließe, und da der König ihr sonst sehr gut gefalle, so wolle sie ihn schon zum Manne nehmen.
Da fuhr der Minister zurück, was die Pferde jagen wollten, und der König umarmte ihn und gab ihm den großen Schranzenorden mit Brettern, den Orden am Hals und die Bretter noch höher zu tragen. Bunte Fahnen wurden in der Stadt ausgehangen, Girlanden von einem Haus zum andern quer über die Straßen gezogen und die Hochzeit so herrlich gefeiert, daß die Leute vierzehn Tage von weiter nichts sprachen.
Der König und die junge Königin aber lebten in Lust und Freude ein ganzes Jahr lang. Der König hatte die Pfeffernüsse und die Königin das Brummeisen gänzlich vergessen.
Eines Tages jedoch stand der König früh mit dem falschen Beine zuerst aus dem Bette auf, und alles ging verkehrt. Es regnete den ganzen Tag; der Reichsapfel fiel hin, und das kleine Kreuz, das oben drauf ist, brach ab; dann kam der Hofmaler und brachte die neue Karte vom Königreiche, und als der König sie besah, war das Land rot angestrichen statt blau, wie er befohlen; und endlich, die Königin hatte Kopfschmerzen.
Da geschah es, daß das Ehepaar sich zum ersten Male zankte; warum, wußten sie am nächsten Morgen selbst nicht mehr, oder wenn sie es wußten, wollten sie es wenigstens nicht sagen. Kurz, der König war brummig und die Königin schnippisch und behielt stets das letzte Wort. Nachdem sie sich beide lange Zeit hin und her gestritten, zuckte die Königin endlich verächtlich mit den Achseln und sagte:
"Ich dächte, du wärest nun endlich still und hörtest auf, alles zu tadeln, was dir vor die Augen kommt! Du selbst kannst ja nicht einmal das Brummeisen spielen."
Aber kaum war ihr dies entschlüpft, als der König ihr schon ins Wort fiel und giftig antwortete: "Und du kannst nicht einmal Pfeffernüsse backen!"
Da blieb die Königin zum ersten Male die Antwort schuldig und wurde ganz still, und beide gingen, ohne weiter ein Wort zu wechseln, auseinander, jedes in seine Stube. Hier setzte sich die Königin in die Sofaecke und weinte und dachte: Was du doch für eine törichte Frau bist! Wo hast du nur deinen Verstand gehabt? Dümmer hättest du es gar nicht anfangen können!
Der König aber ging in seinem Zimmer auf und ab, rieb sich die Hände und sagte: "Es ist doch ein wahres Glück, daß meine Frau keine Pfeffernüsse backen kann! Was hätte ich sonst erwidern sollen, als sie mir vorwarf, daß ich das Brummeisen nicht zu spielen verstünde?!"
Nachdem er dies wenigstens drei- oder viermal wiederholt hatte, wurde er immer vergnügter. Er fing an, seine Lieblingsmelodie zu pfeifen, besah sich dann das große Bild der Königin, welches in seinem Zimmer hing, stieg auf einen Stuhl, um mit dem Taschentuch einen Spinnenfaden abzuwischen, der der Königin gerade über die Nase herabhing, und sagte endlich:
"Sie hat sich gewiß recht geärgert, die gute kleine Frau! Ich werde einmal sehen, was sie macht!"
Darauf ging er zur Tür hinaus auf den langen Gang, auf welchen alle Zimmer mündeten. Weil aber an diesem Tage alles verkehrt ging, so hatte der Kammerdiener vergessen, die Lampen anzuzünden, obgleich es schon acht Uhr abends und stockdunkel war.
Daher streckte der König die Hände vor sich, um sich nicht zu stoßen, und tappte vorsichtig an der Wand hin. Plötzlich fühlte er etwas Weiches.
"Wer ist da?" fragte er.
"Ich bin es", antwortete die Königin.
"Was suchst du, mein Schatz?"
"Ich wollte dich um Verzeihung bitten", erwiderte die Königin, "weil ich dich so gekränkt habe."
"Das brauchst du gar nicht!" sagte der König und fiel ihr um den Hals. "Ich habe mehr Schuld als du und längst alles vergessen. Aber, weißt du, zwei Worte wollen wir in unserem Königreiche bei Todesstrafe verbieten lassen, Brummeisen und - "
"Und Pfeffernüsse", fiel die Königin lachend ein, indem sie sich heimlich noch ein paar Tränen aus den Augen wischte - und damit hat die Geschichte ein Ende. Autor: Richard von Volkmann
- Ausführliche Interpretation der Geschichte
- Biografischer Kontext des Autors
- Zeitliche Verortung
- Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?
- Emotionale Wirkung
- Moral und Werte
- Ist die Geschichte zeitgemäß?
- Realitätsbezug oder Eskapismus?
- Schwierigkeitsgrad
- Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?
- Eignet sich die Geschichte zum Vorlesen oder Selberlesen?
- Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?
- Für wen eignet sich die Geschichte weniger?
- Abschließende Empfehlung
Ausführliche Interpretation der Geschichte
Diese charmante Erzählung von Richard von Volkmann ist weit mehr als eine einfache Märchenparodie. Auf den ersten Blick handelt sie von einem König und einer Königin, die jeweils unrealistische Erwartungen an den Partner stellen – er verlangt eine Meisterin im Backen von Pfeffernüssen, sie einen Virtuosen auf dem "Brummeisen", einem fiktiven Musikinstrument. Die tiefere Bedeutung liegt jedoch in der liebevollen Demontage solcher perfektionistischen Wunschvorstellungen. Die Geschichte zeigt, dass das Glück in der Ehe nicht von der Erfüllung spezieller, vielleicht sogar alberner Kriterien abhängt, sondern von der Fähigkeit zur Akzeptanz und Versöhnung. Der entscheidende Wendepunkt ist nicht das Erreichen der ursprünglichen Ideale, sondern die gemeinsame Einsicht im dunklen Flur. Die verbotenen Worte "Brummeisen" und "Pfeffernüsse" werden hier zu Symbolen für verletzende Vorwürfe und überzogene Ansprüche. Ihr gemeinsamer Beschluss, diese Worte zu verbieten, steht für eine reife Absprache, alte Verletzungen nicht immer wieder aufzuwärmen. Die Erzählung feiert damit die unperfekte, aber liebevolle Allianz zweier Menschen, die bereit sind, über ihre eigenen Schwächen und die des anderen zu lachen.
Biografischer Kontext des Autors
Richard von Volkmann (1830-1889) war eine faszinierende Doppelbegabung: Unter seinem bürgerlichen Namen war er ein hochangesehener Chirurg und Medizinprofessor. Unter dem Pseudonym "Richard Leander" verfasste er jedoch die berühmte Sammlung "Träumereien an französischen Kaminen", in der auch diese Geschichte enthalten ist. Diese Märchen schrieb er für seine Kinder während des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71, fern der Heimat. Dieser Hintergrund erklärt den warmherzigen, tröstlichen und familienorientierten Ton seiner Werke. Sie entstanden als literarische Inseln der Menschlichkeit in einer Zeit des Konflikts. Sein medizinischer Blick auf den Menschen schimmert vielleicht in der genauen Beobachtung der kleinen, alltäglichen Missgeschicke durch, die den "verkehrten Tag" des Königspaares ausmachen. Volkmanns Geschichten verbinden so die Präzision des Wissenschaftlers mit der Phantasie des Geschichtenerzählers.
Zeitliche Verortung
Die Geschichte ist bewusst zeitlos in einem märchenhaften "Es war einmal"-Setting angesiedelt. Obwohl die Erwähnung von Hofministern, Orden und einem "Reichsapfel" auf eine feudale, vorindustrielle Welt hindeutet, ist sie keine historische Erzählung. Das fiktive Königreich Makronien (vom französischen "macaron"?) und das erfundene Instrument "Brummeisen" entrücken sie jeder konkreten Epoche. Man muss kein historisches Wissen mitbringen, um den Kern der Geschichte zu verstehen. Diese Zeitlosigkeit ist eine ihrer großen Stärken, denn die thematisierten zwischenmenschlichen Dynamiken – übertriebene Erwartungen in der Partnersuche, der erste Streit in einer Beziehung und die anschließende Versöhnung – sind universell und in jeder Epoche relevant. Die Märchenkulisse dient lediglich als humorvoller und entschärfender Rahmen für diese allzu menschlichen Themen.
Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?
Die Erzählung erzeugt eine durchweg heitere, warmherzige und leicht ironische Stimmung. Von Anfang an wird mit einem Augenzwinkern erzählt: Der König entdeckt das Loch im Strumpf mit "königlichem Scharfblicke", und der Minister antwortet in unterwürfig-komischer Höflichkeit. Die Suche nach der perfekten Prinzessin mit ihrer absurden Nebenbedingung (Pfeffernüsse backen) ist pure, liebenswürdige Satire auf romantische Klischees. Selbst der Ehestreit wird nicht dramatisch, sondern mit komischen Details wie dem "falschen Beine" oder dem abgebrochenen Kreuz auf dem Reichsapfel inszeniert. Die Stimmung kippt nie in Bitterkeit oder Ernst, sondern bleibt stets versöhnlich und optimistisch. Die finale Szene im dunklen Flur ist trotz der vorausgegangenen Verstimmung von einer zarten, intimen und versöhnlichen Atmosphäre geprägt, die in einem gemeinsamen Lachen endet.
Emotionale Wirkung
Beim Lesen oder Zuhören durchläuft man ein angenehmes Spektrum an Gefühlen. Zunächst löst die schrullige Suche des Königs und die Reaktionen der Prinzessinnen belustigtes Schmunzeln aus. Die Hochzeitsfeier vermittelt ein Gefühl von Freude und ausgelassener Festlichkeit. Die Schilderung des "verkehrten Tages" weckt sympathisches Wiedererkennen – wer kennt nicht solche Tage, an dem alles schiefzugehen scheint? Der daraus resultierende Streit kann ein leichtes Gefühl der Beklommenheit oder des Mitgefühls auslösen. Die entscheidende emotionale Wendung erfolgt jedoch mit der Versöhnung: Sie löst echte Rührung und ein tiefes Gefühl der Wärme und Hoffnung aus. Man fühlt mit dem Paar mit und ist erleichtert über ihre Einsicht. Am Ende überwiegt eine zufriedene, nostalgisch angehauchte Freude über die gelungene Konfliktlösung und die weise Schlussfolgerung der beiden.
Moral und Werte
Im Vordergrund stehen eindeutig allgemein menschliche, säkulare Werte, die perfekt zur besinnlichen Grundstimmung der Weihnachtszeit passen, ohne explizit christlich zu sein. Die zentralen Botschaften sind Toleranz und Akzeptanz der Unvollkommenheit des anderen. Die Geschichte plädiert dafür, nicht an unrealistischen Idealbildern festzuhalten, sondern den Menschen so zu lieben, wie er ist – mit seinem "Loch im Strumpf" und seiner Unfähigkeit, ein "Brummeisen" zu spielen. Ein weiterer zentraler Wert ist die Versöhnungsbereitschaft. Der Mut, den ersten Schritt auf den anderen zuzugehen (auch im Dunkeln), und die Fähigkeit, verletzende Worte hinter sich zu lassen, werden als Schlüssel zum gemeinsamen Glück dargestellt. Damit vermittelt die Erzählung Werte wie Nachsicht, Vergebung und die Bedeutung der Kommunikation – allesamt Werte, die in der Weihnachtszeit, die oft im Familienkreis verbracht wird, von besonderer Bedeutung sind.
Ist die Geschichte zeitgemäß?
Absolut. Die Geschichte ist in ihrer Grundaussage heute vielleicht sogar relevanter denn je. In einer Zeit, die oft von perfekten Social-Media-Fassaden und hohen Ansprüchen an Partnerschaft und Lebensglück geprägt ist, wirkt die Botschaft der Makronien-Monarchen wie ein heilsames Gegenmittel. Der Druck, den "perfekten" Partner mit einer speziellen Liste von Eigenschaften zu finden, ist ein modernes Phänomen, das hier schon im 19. Jahrhundert humorvoll persifliert wird. Die Erkenntnis, dass wahres Zusammensein im Akzeptieren der kleinen Macken und im Lösen von Konflikten liegt, statt in der Abwesenheit derselben, ist zeitlos gültig. Die Geschichte wirft die immer aktuelle Frage auf: Was ist uns im zwischenmenschlichen Miteinander wirklich wichtig? Und sie gibt eine klare, tröstliche Antwort: Nicht perfekte Komplementarität, sondern liebevolle Annahme.
Realitätsbezug oder Eskapismus?
Die Geschichte stellt eine kluge Mischform dar. Die märchenhafte Kulisse mit Königen und Ministern bietet zunächst Eskapismus in eine verspielt-unkomplizierte Welt. Doch innerhalb dieses Rahmens thematisiert sie sehr reale und alltägliche Probleme: Die Suche nach einem Partner, die Enttäuschung, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden, die erste Krise in einer Beziehung nach der "rosaroten" Phase, schlechte Laune und kleinere Streitigkeiten. Sie blendet die "großen" Probleme der Welt zwar aus, aber sie verklärt die zwischenmenschlichen Realitäten nicht. Im Gegenteil, sie zeigt sie ganz direkt auf – den Zank, die Verletzung, die Reue. Der Eskapismus liegt also nicht in einer heilen Welt, sondern in der Garantie, dass sich diese alltäglichen Brüche auf liebevolle und humorvolle Weise kitten lassen. Das macht sie so tröstlich und nahbar.
Schwierigkeitsgrad
Sprachlich ist die Geschichte im mittleren Bereich anzusiedeln. Der Satzbau ist klar und meist parataktisch, also aneinandergereiht, was dem mündlichen Erzählfluss entspricht. Der Wortschatz ist jedoch an einigen Stellen etwas altertümlich oder speziell ("unverrichteterdinge", "sublimer Gedanke", "pflegte", "Schranzenorden"). Diese Wörter sind aber aus dem Kontext gut verständlich oder laden zum Erklären und Entdecken ein. Es gibt keine komplexen metaphorischen Verschlüsselungen. Die Handlung ist linear und leicht zu folgen. Für geübte Leser ab etwa 10 Jahren ist der Text gut allein zu bewältigen; für jüngere Zuhörer bietet er beim Vorlesen die Möglichkeit, den Wortschatz spielerisch zu erweitern, ohne dass der Handlungsfaden verloren geht.
Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?
Diese Geschichte ist ein wahrer Allrounder für die besinnliche Zeit. Sie eignet sich hervorragend als familiäre Vorlesegeschichte in der Adventszeit, vielleicht an einem gemütlichen Dezemberabend. Ihr versöhnlicher Schluss macht sie auch perfekt für den Heiligabend geeignet, als Einstimmung auf das friedliche Fest. Da sie nicht explizit weihnachtlich ist, aber die entsprechenden Werte transportiert, passt sie wunderbar in die gesamte Weihnachtszeit bis zum Dreikönigstag. Darüber hinaus ist sie eine treffende und unterhaltsame Lektüre für Paare in jeder Lebensphase – ob frisch verliebt oder schon lange zusammen. Sie kann auch in einem größeren Kreis, etwa bei einer Weihnachtsfeier mit Freunden, als kurzweilige und pointierte Unterhaltung vorgetragen werden.
Eignet sich die Geschichte zum Vorlesen oder Selberlesen?
Sie eignet sich ausgezeichnet für beide Formen, besitzt aber besondere Qualitäten als Vorlesegeschichte. Der Text hat einen starken dialogischen Anteil und einen Erzählrhythmus, der sich wunderbar mit Betonungen und verschiedenen Stimmen (etwa für den devoten Minister, die schnippische zweite Prinzessin oder den brummigen König) gestalten lässt. Die komischen Situationen entfalten ihre volle Wirkung oft erst durch die mündliche Darbietung. Gleichzeitig ist der Text auch zum stillen Selberlesen eine Freude, da man die ironischen Formulierungen und feinen Beobachtungen (wie den "Scharfblick" für das Strumpfloch) in Ruhe genießen und schmunzelnd nachvollziehen kann. Für junge Leser ist das Selberlesen eine gute Übung, für ein gemeinsames Erlebnis ist das Vorlesen jedoch die erste Wahl.
Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?
Die Geschichte besitzt einen breiten Altersappeal. Als Vorlesegeschichte ist sie für Kinder ab etwa 6 Jahren gut verständlich und unterhaltsam, da die Handlung klar und die Konflikte nachvollziehbar sind. Kinder ab 10 Jahren können sie selbst lesen und werden die humorvollen Elemente voll erfassen. Die tiefere Bedeutung der Versöhnung und Akzeptanz spricht jedoch auch Jugendliche und Erwachsene unmittelbar an. Insbesondere für Erwachsene und Paare entfaltet sie ihre volle, weise und tröstliche Wirkung, da sie Lebenserfahrung mit den beschriebenen Situationen verbinden können. Es ist also eine Geschichte für die ganze Familie, bei der jede Generation etwas anderes, aber ebenso Wertvolles für sich mitnehmen kann.
Für wen eignet sich die Geschichte weniger?
Die Geschichte eignet sich weniger für Leser oder Zuhörer, die eine actionreiche, spannungsgeladene oder dramatische Handlung erwarten. Wer nach einem klassischen Weihnachtsmärchen mit Engeln, Christkind und tiefem religiösem Symbolgehalt sucht, wird hier nicht fündig. Auch für sehr junge Kinder unter 5 Jahren sind die ironischen Wendungen und die längeren Satzstrukturen möglicherweise noch schwer zugänglich. Menschen, die eine absolut realistische und zeitgenössische Erzählung bevorzugen, könnten sich an der märchenhaften, königlichen Fassade stören, obwohl der Kern der Geschichte hochrealistisch ist. Für einen kurzen, schnellen Leseimpuls ist der Text vielleicht etwas zu ausführlich, da er seine Wirkung gerade durch die liebevolle Ausgestaltung der Charaktere und Situationen entfaltet.
Abschließende Empfehlung
Wähle diese Geschichte genau dann, wenn du nach einer weisen, warmherzigen und humorvollen Erzählung suchst, die das Wesen von Weihnachten jenseits von Tannenbaum und Geschenken einfängt: die Kunst der Versöhnung und die Liebe zum Unperfekten. Sie ist das ideale Gegenmittel zu hektischen Vorweihnachtstagen und perfektionistischen Festvorstellungen. Lies sie deiner Familie am Heiligabend nach dem Essen vor, wenn sich die Gemüter beruhigt haben und Raum für Besinnlichkeit entsteht. Schenke sie einem frisch verheirateten Paar als literarisches Kleinod mit tiefer Botschaft. Oder genieße sie einfach selbst an einem dunklen Dezemberabend mit einer Tasse Tee. Die Geschichte von König Makronien und seiner Königin erinnert uns daran, dass das größte Festtagsgeschenk oft die vergebende Umarmung im dunklen Flur des Alltags ist.