Das Wunder der Heiligen Nacht

Sinnend stand sie am Fenster und schaute in die klare Nacht hinaus. Die klirrende Kälte draußen, konnte man förmlich sehen, obwohl es im Zimmer anheimelnd warm war. Ihr Blick wanderte in die Ferne, wo sie die Umrisse der Brücke im bleichen Mondlicht erkennen konnte, und in Gedanken befand sie sich plötzlich wieder in der Vergangenheit.

Vor genau zehn Jahren, es war eine ebenso kalte Nacht wie heute, saß sie am Heilig Abend genau unter dieser Brücke. Zerlumpt, mehr in Fetzen als in Kleidung gehüllt, verbrachte sie den wohl wichtigsten Abend des Jahres an diesem unwirklichen Platz. Sie war ganze 22 Jahre alt und lebte schon seit mehr als sechs Jahren auf der Straße, nachdem sich ihre Mutter für diesen ekelhaften Kerl und gegen sie entschieden hatte. Das Leben, besser gesagt das Dahinvegetieren auf der Straße, hatte sie hart gegen sich und andere werden lassen, und doch rannen ihr plötzlich die Tränen über die Wangen, bei den aufkommenden Erinnerungen an schöne Kinderzeiten.

Sie war zusammengezuckt, als sie das plötzliche Knirschen im Schnee hörte und gleich darauf die große Gestalt von Tobias entdeckte, der sich neben sie niederließ. In der Hand hielt er eine Thermosflasche, aus der er ihr sofort einen Becher voll anbot. Zögernd, sich mit dem Ärmel des zerlumpten Parkers die Tränen abwischend, nahm sie den ihr angebotenen Tee an. Tobias war ein Streetworker, und sie war ihm schon häufiger in dieser Gegend begegnet. Eigentlich hatte sie nicht vor, sich von ihm Bequatschen zu lassen, aber als er dann noch ein paar Kekse aus der Manteltasche fischte, kamen sie doch ins Gespräch. Ziemlich missmutig erzählte sie ihm von ihrem verkorksten Leben, und dass sie nicht nur einmal daran gedacht habe, diesem ein Ende zu bereiten. Als sie ihn fragte, warum er am heutigen Abend denn auf der Straße sei, erzählte er ihr von seiner Absicht, für die Organisation von Karlheinz Böhm „Menschen für Menschen“ nach Äthiopien gehen zu wollen, um den Menschen dort zu helfen. Sanft rügend erklärte er, dass, während sie sich hier im Selbstmitleid übe, es anderweitig auf der Welt Menschen gäbe, welche auch auf der Straße leben müssten, aber gern dieser Armut entfliehen würden. Plötzlich und unerwartet fragte er, ob sie ihn nicht begleiten wolle, es wäre doch ziemlich gleichgültig, wo sie leben würde. Sie brauchte lediglich ihren gültigen Pass, für die Kosten würde er aufkommen. Sie war dermaßen überrumpelt von diesem Angebot, dass sie spontan zusagte.

Sieben Jahre haben sie zusammen in diesem armen Land an den verschiedensten Projekten gearbeitet. Sieben Jahre hat sie sich in Krankenhäusern und auf der Straße um die durch AIDS verwaisten Kinder gekümmert. Dabei musste sie erfahren, dass ihr eigenes Leid, lediglich ein selbstproduziertes Leid war. Aus der anfänglich freundschaftlichen Beziehung zu Tobias erwuchs im Laufe der Jahre eine tiefe Liebe und Bindung, und als sie selbst ein Kind erwarteten, kamen sie zurück in die Heimat.

Der starke, aber sanfte Arm von Tobias um ihre Schulter und das hell aufquiekende Kinderlachen aus dem Wohnzimmer, holten sie zurück in die Gegenwart. Ja, es war wieder Heilig Abend, und es gibt das Wunder dieser Nacht.