Weihnachtserfüllung einer alten Dame

Die alte Frau saß am Fenster und schaute in den sich zu Ende neigenden Tag, Nebel kam hinter dem Haus von Müllers auf der gegenüberliegenden Straßenseite langsam hoch. Sie fröstelte und zog ihr Schultertuch um die mageren Schultern. Sie saß jeden Tag da und beobachtete das Geschehen auf ihrer Straße, ja sie konnte ihre Straße sagen, denn sie wohnte schon ihr ganzes langes Leben lang in dieser Straße, indem sich auch ihr Haus befand. Es war Mitte November und schon früh kalt, heute Morgen hat es tatsächlich doch schon ein wenig geschneit, wie fast immer am 19. November, dem Tag der so viele schmerzliche und doch auch schöne Erinnerungen für sie hatte. Es war der Tag an dem ihr Enkel Domenic geboren war und den sie schon so lange Zeit nicht mehr gesehen hatte. Es war eigentlich nichts vorgefallen, er war jetzt erwachsen und hatte andere Interessen, als an seine alte Großmutter zu denken, geschweige denn sie zu besuchen.

Dabei war er das Liebste was es in ihrem Leben gab, der Mann er lebte zwar noch, aber er in der unteren Etage und sie in der oberen. Zum Mittagessen sah man sich jeden Tag, denn sie versorgte ihn mit Essen und Wäsche. Aber es gab kein gemeinsames und gutes Wort mehr. Deshalb kamen die trüben Stimmungen immer mehr und heftiger über sie hinweg. Und jetzt stand Weihnachten vor der Tür, das Fest der Freude und der Liebe. Wie es diesmal wohl wieder wird, fragte sie sich und stand auf um Licht in der kleinen Lampe zu entzünden, die auf einem kleinen Tischchen nahe dem Fenster stand. Ihre Gedanken wanderten zurück als Domenic noch Kind war, was waren das schöne Weihnachtsfeste. Voller Vorfreude und Glück erwartete man den Heiligen Abend. Wenn dann das Kind vor dem Weihnachtsbaum stand und mit seinen kleinen Händen nach den Kugeln griff und mit hochroten Wangen sich an die Großmutter schmiegte, wie war das schön, man konnte alles vergessen.

Die Tage rückten näher die Großmutter wurde immer trauriger, keine Nachricht kam von ihm, kein Gruß. Schnee fiel schon in die Gassen, dieses Jahr sehr früh, dachte sie und stellte die Heizung höher, weil sie wieder einmal fröstelte. Das kam von innen heraus, das wusste sie, konnte es aber nicht abstellen. In ihr war ein Erwarten und ein Sehnen das sie sich nicht erklären konnte. Und dann zwei Tage vor dem Weihnachtfest klingelte es nachmittags an der Tür. Sie erhob sich beschwerlich und ging zur Tür und ihr blieb die Luft weg, als sie sah wer vor ihr stand. Domenic ihr Liebstes auf der Welt, Ihr Enkel. Er umarmte sie und sagte: „Du, ich habe eine Überraschung für Dich, ich werde die ganzen Weihnachtsfeiertage mit Dir verbringen und den Weihnachtsbaum habe ich auch mitgebracht. Wir werden Weihnachten feiern wie früher, ja Oma?“ Der alten Frau standen die Tränen in den Augen und sie konnte nur nicken. Und so kam es, am Heiligen Abend gingen sie Beide in die Hl. Mette und dann zurück in die warme festlich geschmückte Weihnachtsstube. Das ganze Zimmer roch nach Tannen, die Kerzen knisterten in den Zweigen, die Wangen der alten Dame waren hochrot und endlich, endlich, sie fror nicht mehr. In ihr war nur noch Wärme, die sich noch verstärkte, als ihr Enkel den Arm um sie legte und flüsterte: „Du meine Oma, mit dir ist Weihnachten am allerschönsten!“